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Meine Fluchtgeschichte



 

Ich bin Berliner.
Geboren zu Z
eiten der Sektoren im heutigen Berlin-Mitte 1956 als dritte und jüngste Tochter zweier Studenten.
Durch frühe Elternschaft und die Studien ergab es sich, dass Großeltern und zwei Tanten die Kinderbetreuung von uns drei Schwestern übernahmen.
So war es auch im Sommer des Jahres 1961. Am 13. August wurden Zäune als Sperren errichtet und die Familie getrennt. Meine Großeltern waren über Nacht vom anderen Teil Berlins und meinem Vater in Dresden getrennt.
Die Großeltern wohnten in der Gartenstrasse in unmittelbarer Nähe des Nordbahnhofes sowie der Bernauer Strasse, die mit Bildern vermauerter Fenster in die Erinnerungen vieler einfloss.
 
Als Kind sehe ich mich noch durch die Sektorengrenze zu Fuß wechseln. Bilder von Uniformierten der einen als auch der anderen Seite. Aus Richtung amerikanischen Sektors verbindlich freundliche Männer zu einer alten Frau mit Kind. Wenige Schritte weiter stupide, bärbeißig und bedrohlich schweigende Männer.
 
Auch Lärm, Aufregung, sich überschlagende Radiomeldungen, Interviews mit tränenerstickten Stimmen von frisch getrennten Familien, das metallische Echo von Megaphonen, Polizeisirenen, gehören zu den Stunden, Tagen, Nächten um den dreizehnten August.
Im folgenden Herbst, zum Totensonntag, zählt eines der einprägsamsten Impressionen für mich als Kind: das verriegelte Friedhofstor und der Teppich aus Blumen, Gestecken und zahllosen Kerzen all jener, die den Friedhof der Sankt Hedwigs-Gemeinde nicht mehr betreten durften. Ringsum war alles dunkel, verlassen und das stumme Gedenken doppelt einprägsam für meine Kinderseele.
 
Meine Großeltern waren Rentner, als die Mauer entstand. Es war vorhersehbar, dass sie mich nicht bis zum Ende der Schulzeit bei sich behalten konnten. Als alte Sozialdemokraten lag ihnen daran, dass ich die Chance auf eine solide schulische Ausbildung bekam. Das hieß, mich zu meiner Familie in den “Osten” zu schicken, durch den eben erst errichteten “antifaschistischen Schutzwall”.
Meine Großmutter bewältigte alle Formalitäten, dies möglich zu machen.
Eines Tages ließ man mich wissen, dass ich zu meiner Familie fahren werde. Also Abschied von all jenen Menschen, die mich mit täglicher Fürsorge behütet hatten, mit Wärme begleiteten, die der bittere Alltag der späten fünfziger Jahre zuließ.
Koffer wurden gepackt, mein Puppenwagen musste mit. Nicht, ohne dass meine Puppe mein “richtiges” Kopfkissen als Zudecke bekam.
Am Tag des Wechsels von hier nach dort erinnere ich mich an eine Fußweg durch Katakomben. Es war der Bahnhof Friedrichstrasse mit der “Halle der Tränen”. Für mich war es ein Slalom durch endlose düstere, kellerartige Gänge, die Steven Spielberg nicht besser in angstauslösenden Bildern hätte verfilmen können.
Am Tageslicht angekommen, wurde ich von meiner Familie abgeholt. An keines der Gesichter konnte ich mich erinnern. Doch es hieß, dass dies meine beiden Schwestern und mein Vater seien. Die Reise an diesem Tag führte noch nach
Dresden.
 
1963 wurde ich in die Polytechnische Oberschule eingeschult und schloß sie 1973 mit der Mittleren Reife ab.
 
Sooft es in der Zeit des kalten Krieges möglich war, kamen Familie West zu Besuch zu Familie Ost. Für die Menschen in Berlin-West bedeutete es zu Beginn der “Passierscheinabkommen” stundenlanges, nächtliches Anstehen für die Papiere für ein Wiedersehen. Das war nur zu bewältigen durch Abwechseln. Nächte hindurch. Auch bei Frost.
Doch das Wiedersehen war immer wichtig für alle, wenn auch anstrengend. Am meisten sicher für die Anreisenden aus Berlin-West, weil sie noch die Verpflegung mitbrachten, damit die Gastgeber in Ost-Berlin entlastet wurden. Unvergessliche Bilder für mich sind noch immer die Abschiede auf den Bahnsteigen. Sie rissen uns endgültig aus der Vertrautheit und Wärme der familiären Treffs und entließen uns alle ins Ungewisse auf ein nächstes Wiedersehen. Jedes Treffen hätte das letzte Wiedersehen sein können für alle.
 
Kurz nach der mittleren Reife lernte ich meinen heutigen Mann kennen. Es brauchte wenig Zeit, zu wissen, dass wir ein Paar sein würden.


Ich lernte seine Familie kennen, seine Mutter , seinen Bruder mit Frau und Kindern.
Zwei Jahre später etwa fragte mich mein Mann, ob ich bereit wäre, illegal das Land zu verlassen. Er bat mich, darüber nachzudenken, gründlich zu überlegen und beschrieb mir  unsere Möglichkeiten, Risiken und Folgen.
Meine Zustimmung kam umgehend und ohne Zögern.
Es gab für mich nichts zu verlieren als junge Erwachsene von knapp 19 Jahren - ich konnte nur gewinnen.
Meine Bilder “vom Westen” waren durch die familiären Kontakte realitätsnahe, denn es die Familie, die ihren Alltag im umschlossenen Berlin beschrieb, ohne Idealisierungen oder Auslassungen.
 
zu informieren. Diese Frau stand davor, mit eMein wichtigster Impuls “in den Westen” zu gehen, war meine Liebe zu Berlin sowie das Hoffen auf ein Leben freier Entscheidungen als Erwachsene.
Für mich war es Luxus: frei wählen zu können, frei entscheiden zu können für mich und meine Zukunft. Mit allen Konsequenzen. Ohne Repressionen, ohne Eingrenzungen, ohne Einmischungen.
Meine Antwort an meinen Freund zu seiner Frage lautetet : “JA”
So schnell wie ich sie traf, so sicher war ich mir. Das blieb auch so, als sich alles Weitere entwickelte.
 
Wir planten also ein illegales Verlassen der DDR. Kontakt wurde angeknüpft über meinen Schwager. Aus den fünfziger Jahren hatte er einen großen Kreis von Studienfreunden quer durch alle Fakultäten mit beständigem Kontakt untereinander in allen Regionen Deutschlands - Ost wie West. Dieser Personenkreis war behilflich die Flucht zu planen, zu organisieren und vorzubereiten. Es sollte eine PKW-Schleusung im Kofferraum werden. Den Anfang sollte mein Schwager mit Frau und zwei Kindern machen.
Diese beiden Kinder sollten frei atmen, leben und frei aufwachsen können. Darum entschieden sich die Eltern für diesen drastischen und dramatischen Weg ins Ungewisse.
 
Nach erfolgter und geglückter Flucht dieser Familie sollten mein Freund mit mir und einem weitern jungen Mann kurz darauf ebenfalls als Kofferraumflüchtlinge folgen.
 
Die Planung und Vorbereitung fiel in den Oktober und November 1975 und blieb unentdeckt. Der erste Versuch , die Familie in den Westen fliehen zu lassen, misslang, weil auf der Strecke zur Übergabe in das  “Schleuserauto” eine Militärkolonne auf einer Landstrasse unterwegs war.
Mein Freund und heutiger Mann fuhr die Familie seines Bruders dorthin und musste leider erfolglos umkehren.
 
Zwei Tage später folgte der nächste Versuch. Das Wechseln von PKW Wartburg in den Opel Admiral gelang. Stunden später wussten wir, das der Grenzwechsel des Fahrzeuges nicht geglückt war und alle vier Personen am Grenzübergang aus dem Fahrzeug heraus verhaftet worden waren. Die Eltern wurden zu Verhören gebracht, die Kinder in ein Kinderheim.
 
Tief in der Nacht traf mein Mann von der langen Autofahrt ein, die seinem Bruder und Familie zu Flucht verhelfen sollte. Es war eine Nacht mit sibirischen Temperaturen und er kam erschöpft an. Den Reste der Nacht verbrachten wir in großer Nähe, nutzten die Zeit, seine Mutter über die Geschehnisse inem Abstand von Stunden ihrer Familie, ihrer Söhne und Enkel beraubt zu werden. Sie nahm es mit erstaunlicher Fassung und mit einigen wenigen Tränen hin und behielt diese Courage auch für die weitere spannungsgeladene Zeit bei.
 
Mein Mann und ich rechneten fest mit einer Inhaftierung und gingen am nächsten Morgen wie üblich zur Arbeit. Wir kehrten müde ein letztes Mal zurück.
Am Folgetag erschienen zur Mittagszeit auf Arbeit zeitgleich bei jedem von uns Mitarbeiter des MfS (Ministerium für Staatsssicherheit) und forderten uns auf,  “zur Klärung eines Sachverhaltes” direkt und unverzüglich mit ihnen mitzukommen.

So auch bei mir. Nach einer Fahrt im Wartburg zu viert , fand ich mich in einem Zellentrakt wieder. Und nach Leibesvisitation kurz darauf im Trainingsanzug - der üblichen Haftkleidung - in einer Zelle. Allein in einer Grabesstille und im Ungewissen. Von diesem Moment an gab es keine Privatsphäre mehr, keine private Kleidung, keine Türklinken und ich wurde nur noch mit Nummer “Eins” angesprochen
 
Die Staatssicherheit hatte keinerlei Indizien oder ähnliches gegen mich. Nur die Vermutung, kurz darauf auch meine Aussage, dass ich “wollte” und “wusste”. Nämlich das Land DDR verlassen.

Mir selbst konnte man weder Verleumdung, noch Rufschädigung, noch leichtere oder schwerere kriminelle Handlungen vorwerfen, geschweige denn nachweisen. Einzig und allein meine Gedanken und mein Wille, meine Meinung standen hier als “Delikt” infrage. Mir als Beschuldigter etwas zu beweisen, war so gut wie ausgeschlossen. Alles was ich tat, war, dass ich für mich selbst, zusammen mit anderen , beschlossen hatte, das Land zu verlassen und Wissen um Flucht und Planungen dazu hatte.

Das reichte, mich auf Dauer zu inhaftieren und mich Monate später vor das Bezirksgericht Dresden zu stellen und wegen staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme (zu meinem heutigen Mann) § 100 sowie § 213 gewolltem, geplantem und versuchtem ungesetzlichen Grenzübertritt im schweren Fall eins Verbrechens zu beschuldigen und abzuurteilen.

Das Urteil "im Namen des Volkes" lautete 1 Jahr und 8 Monate Freiheitsstrafe. Dieses Urteil wurde im Namen des Volkes erteilt, allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Pflichtverteidiger brachte zu meiner Verteidigung als alleiniges Argument zu meinen Gunsten mein Lebensalter von knapp 19 Jahren an. Eigene Möglichkeiten der Verteidigung vor Gericht wurden mir nicht eingeräumt.

Als Staatsverbrecher hatte ich meine Strafe anzunehmen und dies im Strafvollzug unter strengem Vollzug zu verbüßen.
Buße !?
Wie könnte Buße für ein solches Urteil aussehen?
 
Der Strafvollzug befand sich in Stollberg und ist bekannt unter dem Namen Hoheneck ca. 30 km nahe Chemnitz gelegen.
So bald als möglich stellte ich in schriftlicher Form einen “Ausreiseantrag”, dessen Niederschrift als auch postalische Übermittlung
mir zuvor wiederholt untersagt wurde.
 
Untergebracht war ich im Strafvollzug in einer Massenzelle zusammen mit achtzehn Frauen in einem Raum von ca. zwanzig Quadratmetern in Dreistockbetten. Die Kleidung bestand als abgelegten und schwarz eingefärbten Uniformen der Vergangenheit.

Es bestand Zwang zur Arbeit im Drei-Schicht-System mit Stückakkord in verschiedenen Fabriken, die ihre Arbeitssäle im Gelände hatten. Arbeitsverweigerung wurde schwer bestraft. Bei meiner Ankunft war ich die Jüngste in meiner Zelle. Die Mehrzahl der Frauen waren wegen ähnlicher Fluchtgeschichten abgeurteilt, doch überwiegend mit Familie und erwachsener als ich. Vier kriminelle weibliche Häftlinge gab es in meiner Zelle. Zusammen mit mir im Saal arbeiteten 72 Frauen. Unsere Arbeit war es, Bettwäsche zu nähen im Akkord, später Herrenoberhemden. Es gab regelmäßige “Produktionsbesprechungen” mit besonders fleißigen oder besonders faulen Frauen, die dann auch vor versammelter Gruppe namentlich benannt wurden. Als Belohnung für die Fleißigen gab es einen Brief zusätzlich nach draußen oder einen extra Fernsehabend oder ähnliche immaterielle Vorteile.
 
Die Schließerinnen im Gefängnis - “Wachteln” (von Wache abgeleitet) genannt - hatten Mühe ausreichend Druck auszuüben und traten uns Häftlingen oft mit den Worten gegenüber : “Wir haben sie ja schließlich nicht eingeladen.” Das wurde dann meist erwidert mit : “Macht nichts, wir sind hier bald weg und im Westen... dann seid ihr immer noch hier. Hinter Gittern.”

So war es dann auch. Es gab Tage voll Unruhe im Haus. Dann gingen “Transporte”. Frauen wurden aus ihren Zellen geholt und verließen das Haus für immer. Sie waren freigekauft und traten ihren Weg in die Freiheit an. Wann dieser Tag für die Einzelne sein würde, war ein Mysterium und mit vielen Spekulationen versehen.
 
So vergingen die Tage in Monotonie. Meinen 20. Geburtstag erlebte ich hinter Gittern. Leider nicht mit geladenen Gästen. Leider nicht in Fröhlichkeit.


Ich lebte jeden Tag , indem ich wie ein Igel rund um die Uhr mit aufgestellten Stacheln lebte. Immer in der Gewissheit, dass von jeder Person zu jeder Zeit eine Intrige, ein moralischer Tiefschlag, ein Bluff  zu gegenwärtigen sei. Ein Lächeln hätte auch das Lächeln des Verrats sein können. Nichts war gewiss.
Ein Zustand, der einerseits  Abstumpfen ähnelte, andererseits meine Kräfte auf mein Ziel frei leben zu können , bündelte und konzentrierte und dennoch strapaziös war.
 
Sicher erschien ich nach außen hin angepasst. Vermied es aufzufallen oder krank zu werden. Bedachte bei jedem Wort, jedem Lächeln wer mein Gegenüber war und ob dies von anderen bewertet wurde.Ich steckte vieles weg, ohne immer wirklich zu verstehen, wie diese Notgemeinschaft funktionierte.
Den Arzt sah ich einmal während der Haft im Strafvollzug. Ursache war das Aussetzen der Regelblutung = Amenorrhoe, die bedingt war durch psychischen Stress und ohne Behandlung dauerhaft hätte werden können. Durch Einnehmen der “Pille” wurde dies dann behandelt.
 
Eines Tages wurde ich zur “Erzieherin” Oberleutnant Bartsch geholt. Sie fing ein Gespräch an über meine Pläne nach der Haft, meine Vorstellungen Arbeit anzunehmen, Wohnung zu nehmen. Meine Sinne waren auf Alarm und ich versuchte jede Regung in Mimik und Stimme zu interpretieren. Sie redete und redete. Ich sei für eine langfristige Wiedereingliederung in die DDR nach Ende meiner Haft vorgesehen. Sie habe ein Formular, das ich auszufüllen habe. Wir wechselten Worte und in meiner Erinnerung blieb: “Sie werden schon wissen, was sie auszufüllen haben.” Damit war ich mir selbst überlassen , das Gespräch war beendet und ich durfte gehen.
Das Formular wanderte umgehend zerrissen in der Zelle per Wasserspülung durch die Toilette. 
Niemals wurde ich wieder danach gefragt.
 
Meine Haftzeit näherte sich seinem Ende. Die Monate nahmen ab. Zehn Monate gab es Stillstand in den “Transporten”. Die Spekulationen stiegen und verstiegen sich. Die Nerven aller, die auf Freiheit und Abschiebung mittels Freikauf hofften, lagen bloß.
 
Drei Monate vor Haftende ging mitten am Tag die Tür auf und ich wurde aufgefordert, alles zusammenzupacken und vor die Tür zu treten.
 
Plötzlich brodelte das ganze Haus vor Unruhe und Lärm. Hinter geschlossenen Türen schrieen sich die Frauen Nachrichten zu. Dazwischen herrische Kommandos von Schließerinnen.
Am Abend fand ich mich in der Haftanstalt in Chemnitz auf dem Kassberg wieder mit zwei weiteren Frauen in einer Zelle. Unsere Abschiebung begann. Sie sollte zwei Wochen dauern. Wir bekamen Essen, bekamen “Freistunde” der übliche Aufenthalt an frischer Luft. Niemand sagte uns Genaueres. Minuten wurden zu Stunden. Stunden zu Tagen.
Die letzten Strapazen.
Eines Tages erhielt ich von Uniformierten meinen Haftentlassungsschein und die Mitteilung, dass ich in die Bundesrepublik Deutschland entlassen werden würde. Dafür würde meine Reststrafe von ca. 3 Monaten (wegen geplanter und versuchter Republikflucht) zur Bewährung ausgesetzt. Mir wurde eine Urkunde “auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR” in DIN A 4 Größe ausgehändigt.
Es kam der Tag, der uns in die Freiheit entließ.
Auf dem Gefängnishof bestiegen wir zwei Busse. Männer und Frauen waren dabei.
Paare sahen sich nach Ewigkeiten wieder. Es ist unvergesslich, wie stumm Freude, Schmerz und Leid sein können und welcher Gestik fähig.
In meinem Bus saß auf der hintersten Reihe ein Mann Mitte zwanzig, der selbst unter uns einen ziemlich abgerissenen Eindruck machte. Man fand ihn auf keiner Namensliste beim Aufruf und Vergleich aller Anwesenden.
Er war sozusagen eine Draufgabe des Freikaufs. Äußerlich machte er eher den Eindruck einer gestrauchelten Existenz. Doch auch dieses Geld , das für diesen Mann gezahlt wurde, brauchte die DDR-Regierung.
 
Mit Anrollen der Busse schaltete der Busfahrer Musik an. Udo Jürgens trällerte “Aber bitte mit Sahne...” und wir durchquerten Chemnitz. Ziemlich makaber dieser Schlager für diesen Moment.
Über die Autobahn, der längsten “Transit-Treppe” holperte der Bus zum Grenzkontrollpunkt Herleshausen. Ja, auch ich saß in einem Bus mit drehbarem Nummernschild, das sich an der Grenze von einem DDR Kennzeichen in ein bundesdeutsches verwandelte. Ziel an diesem Tag war das Notaufnahmelager Gießen.
Kurz vor den Grenzanlage in Herleshausen gab es einen kurzen Halt. Die begleitenden Staatssicherheits PKW, der PKW von Rechtsanwalt Neumann & Salm hielten, um zurückzufahren, es wurden Provianttüten verteilt mit belegten Brötchen Frischobst und Getränken.
Der Bus rollte an, hielt sich weit seitlich und durchquerte ohne Halt alle Schlag-bäume. Der Busfahrer kommentierte “ So macht man das...”
Alle im Bus waren stumm, hielten den Atem an, um endlich die letzten Meter in die Freiheit zu schaffen.
 
Mit Kleidung am Körper und kaum mehr als einer Zahnbürste hatte ich meine Freiheit wieder
und war am Ziel
angekommen.
 
Nach zwei Nächten in Gießen und Tagen mit Formalitäten trat ich den ersten Flug meines Lebens an, landete in Berlin, wo ich noch heute lebe.


 




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