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  Heinz Oeter                                        September 2008

Mein Rückblick auf ein 40-jähriges politisches System von 1949 bis 1989

 


 

  • 1             Vorwort
  • 2              Der gesellschaftspolitische Alltag zwischen 1949 und 1964 – Erinnerungen.
  • 2.1        Die Ausbildung bis 1961 – Grundschule, Oberschule und Techn. Hochschule.
  •                   2.2       Die Sportvereine nach 1949.
  •                   2.3       Reisen unter schwierigen Bedingungen bis 1961.
  •                   2.4       Kontrollen in einer geteilten Stadt Berlin.
  •                   2.5       Die ersten Berufsjahre bis zur Flucht 1964 in Ostberlin.
  • 3          Nach der Flucht im Dezember 1964.
  • 4          Die Stasi-Aktivitäten in unserem Umfeld.
  • 4.1       Meine Stasi-Akten vor und nach 1964.
  • 4.2       Das Verhalten der uns bekannten IM.
  • 5          Der verklärte Blick zurück – 19 Jahre nach dem Fall der Mauer.
  • 6          Schlußwort

1. Vorwort

Der zunehmend verklärte Blick auf das Unrechtssystem, das sich DDR nannte, ist Anlaß für einen Rückblick auf meine Erinnerungen. Die ersten 15 Jahre erlebte ich bis zur Flucht 1964 in Dresden und Ostberlin. Anschließend nahm ich vom Standort Westberlin aus nach sieben Jahren Durchfahrtssperre zahlreiche dienstliche und private Ost-West-Kontakte wahr. Meine Sorge ist, daß sich vergleichbare politische Fehlentwicklungen in der deutschen Geschichte wiederholen könnten.

            Es ist doch bemerkenswert, wie Menschen, die die Verhältnisse im Osten bis 1989 ertragen mußten und damals maßlos unzufrieden waren, heutzutage über diese Zeit positiv urteilen, obwohl sie durchgehend unter Mangelwirtschaft, Reiseein-schränkungen und einer umfassenden staatlichen Überwachung zu leiden hatten. Ich möchte einen kleinen Einblick auf die tatsächlichen Verhältnisse der Zeit ab 1949 vermitteln, wie ich sie selbst erlebte.

            Ich berichte von einigen Erinnerungen vom Alltag aus Dresden und Ostberlin.  Um westliche Länder vor 1961 aufzusuchen, hatte ich erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden. Privatreisen in die Bundesrepublik Deutschland waren für die meisten Ostdeutschen nur illegal über Westberlin möglich. Danach schränkte der Mauerbau die Reisefreiheit total ein.

            Nach der Flucht berichte ich von meinen Erfahrungen mit der Stasi und komme abschließend auf einen Brief an Herrn Schorlemmer zu sprechen. Seine Veröffent-lichung über das Thema “Erinnern und Vergessen“ gaben mir den letzten Anstoß, meine Erinnerungen kurz zusammenzufassen.

2.  Der gesellschaftspolitische Alltag zwischen  1949 und 1964 – Erinnerungen.

               2.1       Ausbildung bis 1961 – Grundschule, Oberschule und Technische Hochschule.

           

Der Bedarf an Lehrern nach 1945 war auf Grund der Kriegsopfer und der politischen Vergangenheit bekanntlich groß. Neulehrer wurden meist nach verkürzter Ausbildung mit Parteizugehörigkeit zur SED eingestellt.

Ich gehörte 1945 zum ersten Jahrgang, der bis zum 8. Schuljahr die Grund-schule besuchen mußte. Das Gymnasium begann in Ostdeutschland dauerhaft erst mit dem 9. Schuljahr und wurde Oberschule genannt.

In der Grundschule hatten wir es in den letzten Schuljahren oft mit sehr jungen Neulehrern zu tun. Wir gehörten alle den sogenannten “Jungen Pionieren“ an. Bis zum Wechsel ins Gymnasium spielte die gesellschaftspolitische Haltung der Schüler für die Leistungsbeurteilung noch keine maßgebende Rolle.

Ganz anders war die Situation in der Oberschule ab dem 9. Schuljahr. Die gesellschaftspolitische Erziehung betraf insbesondere die Fächer Geschichte, Gegenwartskunde und Deutsch mit Literaturgeschichte. Der Einfluß der Besatzungs-macht Sowjetunion war durchgehend gegenwärtig. Der vorgegebene tendenziöse Lehrstoff wurde von den betreffenden Lehrern gehorsam eingehalten. Kritik fand nur in vertrauter Runde statt, da Mißtrauen herrschte – wer wußte schon, welcher Gesprächsteilnehmer bewußt heuchelte.

Über die Qualität einiger Lehrkräfte an unserer Oberschule Dresden Ost            (ehemals Gymnasium Dresden Blasewitz) konnten einige Fragezeichen gesetzt werden. Dafür waren sie politisch zuverlässige Leute. Hier nur einige Beispiele:

Der politische Fanatismus des Geschichts- und Gegenwartskundelehrers kannte keine Grenzen. Mit der deutschen Sprache stand er auf Kriegsfuß – Koalisation (Koalition), Industralisierung und Maxismus sind nur einige seiner zahlreichen Wortschöpfungen. Meine besondere Bekanntschaft mit ihm betrafen die Felgen-bremsen meines Fahrrads – das waren westliche Einflüsse aus dem Reich der Schlotbarone und Krautjunker. Die katastrophale Mangelwirtschaft fast aller Waren paßte nicht in die politische Landschaft. Die Ursachen dafür durften auf keinen Fall an der praktizierten Planwirtschaft liegen.

Eine Russischlehrerin erwischte mich, als ich im Dezember 1952 nicht an der Gedenkfeier aus Anlaß von Stalins Geburtstag teilnahm. Er galt als der große Held der Sowjetunion und wurde geradezu himmlisch verehrt. Die Lobhudelei über die Errungenschaften der Sowjetunion verursachte schon durch die maßlose Übertreibung große Skepsis. Die damals unvorstellbaren Verbrechen Stalins sind erst später bekannt geworden und werden vielerorts bereits wieder verharmlost.

Ein Lehrer hinterließ den Lebenslauf eines doppelten Wendehalses. Vor 1945 aktiv in der HJ und danach für das neue System sehr engagiert. Das ging so weit, daß er Einigen das Studium an der Hochschule verbaute. Er studierte weiter in Leipzig, ging nach Abschluß als Dozent an eine politische Hochschule in Karlshorst und verschwand nach kurzer Zeit in den Westen.

Unser Rektor und Erdkundelehrer wäre unter normalen Verhältnissen sicherlich niemals in dieser Position erschienen. Nur ein Beispiel seiner vielfältigen fachlichen Glanzleistungen: “Wir machen jetzt eine Tabelle, rechts Kohlehydrate und links Stärke“. Der Hinweis, daß beides dasselbe ist, führte ohne Antwort zum Abschluß der Stunde.

Nur die naturwissenschaftlichen Fächer und Latein blieben erfahrenen Studienräten vorbehalten – offenbar war in dieser Zeit dafür kein schneller Ersatz aufzutreiben. Im Fachgebiet Biologie mußten allerdings die sowjetischen Forscher herausgehoben werden, obwohl deren Erkenntnisse meist fragwürdig waren und nach Stalins Tod nicht aufrecht erhalten werden konnten. Gemeint sind insbesondere Frau Lepeschinskaja mit ihrer Zelltheorie und Lyssenko mit seiner Vererbungslehre. Danach war es kurioser Weise möglich, daß die kommunistische Prägung des Menschen vererblich sein sollte!

Zufällig traf ich unseren Sportlehrer in eleganter Aufmachung auf dem Kurfürstendamm. Er verabredete mit mir, zukünftig von einer Fahrt in die Berge zu sprechen, wenn Westberlin gemeint war - ein großes Risiko für einen Lehrer, während seiner Berufszeit in Westberlin gesehen zu werden.

Von den älteren Studienräten gab es oft Bemerkungen, die auf deren kritische Einstellung zu den bestehenden Verhältnissen hinwiesen – eine offene Kritik jedoch konnte für sie existenzielle Folgen haben.

An der Technischen Hochschule Dresden kam ich 1954 nicht an. Alternativ wurde mir das Bauingenieurstudium an der Verkehrshochschule Dresden angeboten. Ich lehnte ab, da sie damals den inoffiziellen Ruf einer “roten“ Hochschule genoß. Einen Grund für die Ablehnung erfuhr ich nicht. Ob Nachwirkungen meiner Oberschulzeit maßgebend waren, ist nur eine Vermutung. Das folgende Jahr bis zur Annahme an der TH Dresden 1955 überbrückte ich in Dresden als Transport- und Bauarbeiter und mit dem Fußballsport.

Das Bauingenieurstudium absolvierte ich mit großem Interesse. Der gesellschaftspolitische Einfluß hielt sich bis 1961 in Grenzen.

Jeder Studiengang teilte sich in Seminargruppen auf. Wir hatten einen Kommilitonen, der bereit war, den FDJ-Sekretär in meiner Seminargruppe zu spielen. Wenn Arbeitseinsätze anstanden, sorgte er dafür, daß wir nur Arbeiten übernahmen, die tatsächlich notwendig waren.

Durch den Leistungssport hatte ich das Glück, an Ernteeinsätzen nicht teilnehmen zu müssen. Meine Semesterkollegen erlebten auf einer Bahnfahrt einen längeren Stopp. In der Nähe von Magdeburg blieb der Zug mehrere Stunden stehen. Irgendwelche “subversiven Kräfte“ hatten an einer Wagenaußenwand mit Ölfarbe geschrieben: “Wir fahren nicht nach drüben – wir fahren in die Rüben.“ Die Suche nach den Schuldigen blieb ergebnislos.

In vertrauter Runde kursierte unter den Studenten folgender Spruch: “DDR-GPU-FDGB-KOREA“ – “Die drei Räuber -  Grotewohl, Pieck, Ulbricht - für den Galgen bereit - komme Oktober rüber euer Adenauer!“

           

Auf einer meiner illegalen Westreisen, auf die ich noch zu sprechen komme, wachte ich in der Jugendherberge Hannover morgens auf und erblickte im Nachbarbett einen Kommilitonen. Wir vereinbarten, uns nicht gesehen zu haben. Ich war also nicht allein auf verbotenem Terrain.

Als ich während eines Semsters den Schweißfachingenieur-Lehrgang in Halle besuchte, unternahmen wir mehrere Exkursionen in nahe gelegene Industrie- unternehmen. In Leuna erwartete uns eine desolat ausgestattete Industrieanlage. Hinter vorgehaltener Hand berichtete uns ein Werkmeister folgende unglaubliche Geschichte. Ein politisch hoch angehängter Schrottplan mit stattlichen Prämien hatte zur Folge, daß neuwertige Maschinen, die im Kellergeschoß auf ihren zukünftigen Einsatz warteten, zur Erfüllung des Schrottplans entsprechend zerlegt wurden – d.h. Sabotage wurde prämiert! Der katastrophale Anlagenszustand betraf die meisten Industrie-unternehmen.

Nach 1989 war in der Bundesrepublik Deutschland zu hören, den verheerenden Zustand der Industrieanlagen und damit die hohen Investitionskosten hätte man im Osten nicht erwartet. Das war für mich nicht nachvollziehbar- das “Gesamtdeutsche Ministerium“ hätte die richtigen Leute fragen müssen und nicht den Ostbehörden blind vertrauen dürfen.

Wir mußten zwei Semester Vorlesungen zum dialektischen und historischen Materialismus hören und Prüfungen ablegen. Die Ergebnisse waren mit dem politischen Engagement der jeweiligen Studenten identisch – ich fiel mit vier zwar nicht durch, “ich stand jedoch nicht fest genug auf dem Boden des Arbeiter- und Bauernstaates!“

Die Lehrstühle waren mit prominenten Professoren besetzt. Vor 1961 hätten sie jederzeit in den Westen Deutschlands gehen können, wenn die SED zu großen Einfluß auf die Personalauswahl genommen hätte. Im nationalen Vergleich mit den technischen Hochschulen in Aachen, Braunschweig, Darmstadt, Karlsruhe, München und Westberlin konnte Dresden bis 1961 gut bestehen.

Die technische Ausbildung konnte sich zu meiner Zeit sehen lassen. Die humanistische Bildung litt auf Grund der kommunistischen Ideologie unter einseitiger Unterrichtung. Die sowjetischen Schriftsteller standen im Mittelpunkt der Literaturgeschichte. Bedeutende deutsche Schriftsteller blieben unerwähnt. Der tendenziöse Geschichts- und Gegenwartskundeunterricht ließ jede Objektivität vermissen. Im Mittelpunkt standen die Errungenschaften der Sowjetunion!

                  2.2 Die Sportvereine nach 1945.

Die traditionellen Namen der Sportvereine mußten nach Kriegsende aufgegeben werden. So wurde der für den Fußball berühmte Verein “Dresdner SC“(DSC) zunächst in “SG Friedrichstadt“ umbenannt. Danach kam es zur Umwandlung in sog. Betriebssportgemeinschaften, in denen die Leitung von Staatsbetrieben übernommen wurde. Der Beschluß zur Überführung der SG Friedrichstadt in eine Polizei-Sportgemeinschaft (später SC Dynamo Dresden) führte zur Flucht der gesamten Mannschaft mit Helmut Schön, der später Nachfolger von Sepp Herberger wurde, nach Westberlin.

Die Landesligen wurden aufgelöst. So ist z. B. die “SG Striesen“, der ich seit meinem 10. Lebensjahr aktiv angehörte, von der Sachsenliga in die Bezirksliga Dresden zurückgestuft worden. Mit Zuordnung zur Tabakindustrie entstand die “SG Empor Tabak Dresden“. Der Wegfall der Landesligen schadete dem Niveau des Fußballsports im nationalen Vergleich.

Damit war der gesamte Sportbetrieb den einzelnen Bezirken unterstellt worden. Die Führung übernahmen die “Volkseigenen Betriebe“ (VEB).

Einige Erinnerungen aus der Zeit, in der ich in der 1. Mannschaft von SG Empor Tabak Dresden spielte, weisen auch auf  die wirtschaftlich bescheidene Lage und die politischen Begleitumstände innerhalb eines Sportvereins hin. Besondere staatliche Förderung erhielten nur einige für die internationale Repräsentanz vorgesehene Betriebssportvereine.

In den Jahren 1956 und 1957 nahm ich an Reisen zu den Amateurmeistern von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen teil, bevor es 1958 zur totalen Einstellung des gesamtdeutschen Sportverkehrs kam.

           

Auf der Fahrt mit unserem Bus nach Bad Godesberg wurden wir in der Nähe von Göttingen auf der Autobahn von der Polizei angehalten. Unser museumsreifes Fahrzeug hatte dunkle Rauchwolken hinterlassen. Aus Mitleid ließen sie uns wohl weiterfahren mit mahnenden Worten, unseren “Empor-Tabak-Express“ möglichst bald aus dem Verkehr zu ziehen. Laufend überholten uns Kabinenroller und bestaunten unser Gefährt.

In der Redoute von Bad Godesberg angekommen, wurden wir fürstlich empfangen, obwohl wir übermüdet in Trainingsanzügen erschienen.

Unser Mannschaftsleiter hatte sein SED-Abzeichen wie üblich nach der Grenze abgenommen (wir nannten es leise Zwangsellipse). Er konnte nicht genug Präsente entgegennehmen, doch in Dresden war sein Parteijargon auch weiterhin nicht zu überhören. Viele SED-Funktionäre hatten zwei Gesichter. Zum Überleben waren sie zu Heuchlern geworden.

                

Den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954 feierten wir, als hätte eine gesamtdeutsche Mannschaft gewonnen. Wir besorgten uns in Westberlin Zeitschriften über alle Details, da in der Dresdener Presse nur spärliche Informationen erschienen.

Die einseitige Berichterstattung von Sportereignissen war an der Tages-ordnung. Die staatlich organisierte inoffizielle Dopingpraxis mit einem Forschungslabor in Dresden-Kreischa diente dem Interesse der DDR,  internationales Ansehen zu erreichen. Die beabsichtigte Wirkung infolge hoher sportlicher Leistungen blieb vielerorts auch nicht aus.

                  2.3 Reisen unter schwierigen Randbedingungen bis 1961.

1956 erhielten ein Schulfreund und ich noch eine Reisegenehmigung für eine Fahrt mit der Bahn nach Hamburg. Unser beabsichtigter Reiseweg wäre nicht genehmigungsfähig gewesen. Per Anhalter ging es über Bremen, Münster, Duisburg, Düsseldorf nach Frankfurt und zurück nach Berlin. Die komfortablen Jugendherbergen boten ostdeutschen Jugendlichen und Studenten in dieser Zeit großzügige Unterstützung. Mehrfach erhielten wir den Hinweis, ja nicht die Jugendherberge in Konstanz aufzusuchen, da dort ein kommunistischer Jugendherbergsvater alle ostdeutschen Besucher an die Ostbehörden melden würde.

1957 erhielten wir keine Reisegenehmigung mehr nach Westdeutschland. Ein sogenannter Nachtflug für Studenten vor 8 Uhr von Berlin-Tempelhof brachte uns für 5 DM nach Hannover. Unsere Tramptour zu dritt führte durch mehrere Großstädte. Am Schluchsee lernten wir einen Schweden kennen, der uns auf die Insel Mainau einlud. Wir blieben mit ihm in Briefkontakt, was ich 1992 auch in meiner Stasi-Akte nachlesen konnte. Nach einem Abstecher in die Schweiz mußten wir zurück nach Hannover, um Berlin-Tempelhof per Flugzeug zu erreichen.

Das große Dilemma war stets unsere wertlose Währung. Der schwankende Kurs zwischen 1:4 und 1:6 vermittelte doch das Gefühl, stets abhängig zu sein. Wenn wir 100 Ostmark tauschten, bekamen wir günstigstenfalls 25 DM.

Im Sommer 1960 unternahm ich mit meinem Studienfreund Günther Starke und dem Bruder meiner Freundin, Jürgen Antlitz, eine Reise mit vielen Unbekannten. Nach Bulgarien konnten wir nicht ohne weiteres fahren – Einladungen waren erforderlich, die wir uns von bulgarischen Ingenieuren aus Sofia besorgten. Fast alle bulgarischen Ingenieure studierten vor 1945 in Deutschland. Geld konnten wir nicht in beliebiger Höhe an einer Bank tauschen – das zwang uns zur illegalen Mitnahme von Rula-Uhren und Perlonstrümpfen.

Um durch Österreich fahren zu können, erhielten wir eine Durchfahrts-genehmigung für nur einen Tag, obwohl wir andere Absichten verfolgten.

Unsere Pässe hatten eine festgelegte Gültigkeit, die uns von vornherein nicht ausreichte.

Mit der Bahn ging es über Prag und Budapest nach Belgrad, um uns die Stadt per Fahrrad anzusehen. Wir ahnten es und konnten nicht verhindern, daß einige Teile unserer Fahrräder im Gepäckwagen abhanden kamen. Ersatz besorgten wir uns auf dem Schwarzmarkt in Belgrad.

Nach Ankunft mit der Bahn in Sofia besuchten wir zuerst unsere Gastgeber. Während einer Rundfahrt durch Bulgarien erlebten wir überall eine großartige Gastfreundschaft. Unsere Ware verkaufte sich hervorragend, so daß wir reichlich mit Lewa ausgestattet waren. Unsere weiteren Pläne erforderten Schillinge.  Wir konnten zum Vorzugspreis einigen österreichischen Touristen Lewa anbieten, so daß die Radtour durch Österreich für die ersten Tage gesichert war.

Die Weiterreise brachte uns mit der Bahn nach Ljubljana und schließlich nach Villach. Die Information, daß eine Bank in Klagenfurt Lewa gegen Schillinge tauschte, bewahrheitete sich. Nach zeitaufwendigen Gesprächen auf Grund unserer Ostpässe hatten wir Erfolg.

An der italienischen Grenze nahe Tarviso stellten wir unsere Fahrräder unter, passierten die Grenze nach längeren Erklärungen – schließlich hatten wir keine gültigen Reisepapiere – und trampten nach Mestre. Über Venedig und Triest endete in Tarviso unser Abstecher nach Norditalien.

Über Lienz ging es zur Großglockner Hochalpenstraße. Fasziniert von den Stauanlagen bei Kaprun fuhren wir weiter zur Grenze nach Bayern. Dort wurden wir ohne Kontrolle auf unseren Fahrrädern durchgewingt.  Auf der Rückfahrt konnte es Günther am Grenzübergang nicht unterlassen, nach Durchwinken dem österreichi-schen Grenzbeamten vorzuhalten, daß hier offenbar jeder Stasi-Beamte ohne Kontrolle durchfahren könnte. Wir hatten einige Mühe, den Mann zu beruhigen und von einer Meldung Abstand zu nehmen – dümmer konnte man sich nicht selbst in Gefahr bringen. Unsere Fahrt ging weiter über Linz, entlang der Donau durch die Wachau nach Wien, wo wir den Zug nach Prag bestiegen. Per Fahrrad entlang der Moldau, fingen wir an, so gut als möglich alle Schwierigkeiten zu erörtern, die uns an der Grenze in Schmilka hätten bevorstehen können – die Reisedauer weit überschritten; mehrere Stempel in den Pässen, die uns leicht hätten verraten können; die Eintageserlaubnis durch Österreich hatten wir auf mehrere Wochen verlängert.

Mehrere Stunden nahmen unsere Abstimmungen in Anspruch, bis wir die Grenze in abgekämpften Zustand erreichten und mit mulmigen Gefühl auf die Fragen warteten. Gegenüber den Grenzbeamten kamen wir mit den Fahrrädern direkt aus Bulgarien. Das muß scheinbar im Angesicht unseres optischen Zustandes mehr Eindruck hinterlassen haben, als wir erwarteten. Nachdem sie meinen Rucksack mit schmutziger Wäsche prüften, wünschten sie uns plötzlich eine gute Weiterfahrt, ohne sich die Pässe und das andere Gepäck näher zu betrachten. Wir sahen uns verblüfft an. Unsere Hochstimmung ließen wir erst außerhalb der Sichtweite der Grenzpolizei erkennen. Das Verhalten war kaum zu erklären, nachdem uns die rüden Methoden an den Grenzen bestens bekannt waren.

Eine fröhliche Heimfahrt auf dem Schiff durch das Elbsteingebirge beschloß eine außergewöhnliche Reise, die auf Grund der vielen Unwegbarkeiten unvergessen blieb. Ich weise jedoch darauf hin, daß auf Grund der Reisebeschränkungen nur wenige die Initiative ergriffen, sich mit so vielen Schwierigkeiten auseinander zu setzen.

Da hier nur auf die politisch bedingten Ereignisse hingewiesen werden soll, unterlasse ich, auf die zahlreichen interessanten Erlebnisse während der Reisen ein-zugehen.

Die vorgenannten fast abenteuerlichen Reisen hatten wir mit viel Glück politisch unerkannt überstanden. Auf legale Weise wären sie nicht möglich gewesen. Ab 1961 hätten wir nur noch mit Hilfe von Einladungen in die osteuropäischen Länder reisen dürfen. Die Reisebeschränkungen erzeugten in der Bevölkerung zunehmend große Unzufriedenheit.

2.4 Kontrollen in einer geteilten Stadt Berlin.

 Der U- und S-Bahnverkehr blieb für ganz Berlin bis zum 13. August 1961 über die Sektorengrenzen hinweg erhalten. Die letzten Bahnhöfe vor Einfahrt nach Westberlin waren die neuralgischen Punkte, an denen die Personenkontrollen erfolgten. Der Schmuggel zwischen Ost und West lief auf Hochtouren. Viele Ostberliner arbeiteten im Westsektor. Familiäre Bindungen gingen über die Sektorengrenzen hinweg. Mit zunehmender Fluchtbewegung von Ost nach West verstärkten sich auch die Kontrollen. Davon blieben mir einige in besonderer Erinnerung.

In der S-Bahn von Norden kommend nach Gesundbrunnen stand ich auf einem Perron, als auf dem letzten Bahnhof im Ostsektor Kontrollposten hereinkamen. Neben mir stand ein Gestell mit einer Nähmaschine. Auf die Frage, wem diese gehört, gab es keine Antwort. Als sie diese mit herausnehmen wollten, stellten sie wütend fest, daß sie mit einer Kette an der vertikalen Stange angeschlossen war. Die festgelegten Haltezeiten zwangen die Kontrolleure ohne Beute laut schimpfend auszusteigen. Am Bahnhof Gesundbrunnen stand ein Fahrgast auf und verließ den Wagen mit seiner Nähmaschine.

Bahnhof Friedrichstraße war stets mit einem Großaufgebot der Transport-polizei besetzt. Mit immer neuen Tricks der Reisenden hatten sich die Kontrolleure auseinanderzusetzen. Selten blieben sie zweiter Sieger. Ein Freund von mir brachte es mit ernster Miene fertig, einen Koffer mit neuer Bettwäsche einem Kontrolleur anzubieten und fragte, ob er während seiner Fahrt nach Potsdam bis zur Rückkehr seinen Koffer bei ihm einstellen könnte. Der überraschte Polizist schnauzte ihn an, daß er seinen Koffer gefälligst mit nach Potsdam nehmen solle, der nachfolgend wunschgemäß in Westberlin landete. Normaler Weise wurden derartige Koffer beschlagnahmt.

Die meisten meiner Besuche führten nach Neukölln oder nach Tempelhof. Die U-Bahn-Endstation der Linie U1 hieß Warschauer Brücke – gleichzeitig der einzige Bahnhof im Ostsektor. Dort machte ich die Erfahrung, daß man kurz vor Abfahrt des Zuges möglichst hinter älteren Damen mit dicken Einkaufstaschen den Bahnsteig passieren mußte. Kontrolleure, die Fahrgäste erwarteten, griffen sich die Frauen und ich hatte unkontrollierten Zutritt in den U-Bahnzug.

Ich sah oft verzweifelte Menschen, denen das Gepäck abgenommen wurde oder die festgenommen wurden – Ereignisse mitten in Deutschland, die viele Ostberliner nach nur 19 Jahren verdrängt zu haben scheinen.

Das Vertrauen gegenüber Mitreisenden im Zug zwischen Dresden und Berlin war äußerst gering. Keiner wußte, ob nicht ein staatstreuer Geselle mit von der Partie war. Einmal erlebte ich nachts auf der Fahrt vom Ostbahnhof nach Dresden vor der Kontrollstelle Schönefeld eine kuriose Situation. In meinem vollbesetzten Abteil nahm ein Mitreisender eine dicke Aktentasche, klemmte sie mit einem Lederriemen am Fenster außerhalb des Abteils fest und zog den Vorhang zu. Vom Bahnsteig auf der beleuchteten gegenüberliegenden Seite kamen die Kontrolleure durch die Abteile und

suchten nach verdächtigen Personen und Gepäck. Nach Weiterfahrt stellte der betreffende Fahrgast seine unentdeckte Tasche für alle sichtbar offen auf den Boden.

Prall gefüllt mit Schokolade und Zigaretten schauten alle auf so viel Mut. Jeder erhielt wortlos eine Tafel Schokolade – er hatte die Mitreisenden offensichtlich richtig eingeschätzt. Ein Wagnis war es allemal.

Wer nach Ostberlin fuhr, hatte stets viele Aufträge für Waren aus Westberlin. Die Unzufriedenheit infolge einer umfassenden Mangelwirtschaft war flächen-deckend vorhanden. Aus Sachsen erinnere ich mich an den Spruch: “Aus dem Westen keen Paket – da fragste noch wie mirs geht?“

2.5 Die ersten Berufsjahre bis zur Flucht 1964 in Ostberlin.

            Nachdem ich mir während meines Studiums einen Überblick vom Bau-geschehen der Bundesrepublik verschaffte und mit den geringen Möglichkeiten innerhalb der DDR verglich, gab es keine andere Entscheidung, als die berufliche Zukunft im Westen Deutschlands aufbauen zu wollen. Die Anzahl der Bauingenieur-studenten in Dresden stand im Widerspruch zum Bedarf in der ostdeutschen Industrie. Da ich den konstruktiven Ingenieurbau vertiefte und zusätzlich im Stahlbau diplomierte, kamen der akute Materialmangel für Stahl und folglich geringe Bau-investitionen in Ostdeutschland hinzu. Daß die politische Situation eine maßgebliche Rolle für die Fluchtabsicht spielte, kann den vorgnannten Ausführungen entnommen werden. Da die Abwanderung Anfang 1961 enorm zunahm, wurde darüber spekuliert, was das Politbüro in Ostberlin dagegen unternehmen würde. Ich befürchtete, daß man nicht mehr ohne weiteres nach Ostberlin konnte, so daß ich versuchte, dort eine Anstellung zu erhalten. Eine Mauer konnte ich mir zwischen den Teilen Berlins nicht vorstellen, die während meiner Diplombearbeitung ab 13. August errichtet wurde. 14 Tage davor verließ ich Westberlin, wo ich meinem Freund Frank bei dessen Diplomarbeit half.

Eine durchaus interessante Anstellung hatte ich im zentralen Volkseigenen Projektierungsbetrieb des Straßenwesens (VEPS) in der Abteilung Straßenstahl-brückenbau erhalten, wo ich im Oktober 1961 als Statiker und Projektingenieur   anfing. Mehrere Diplomingenieure der TH Dresden kamen dort zu einer vertrauens-vollen Gruppe zusammen. Einige unserer Vorgänger benutzten diesen Standort als Sprungbrett in den Westen Deutschlands. Vorerst versperrte seit zwei Monaten die Mauer dieses Vorhaben. Auch hier befanden sich einige IM im Hause. Zunächst war ich nicht im Visier der Stasi, sonst hätte ich wohl nicht den Bau für die Vorflutbrücke bei Kietz an der Oder zur Bearbeitung erhalten. Dort benötigte man für die Baustelle eine Sondergenehmigung von sowjetischer Seite, da nach Fertigstellung die russischen Raketen nach Thüringen überführt werden sollten. Schließlich zog mich ein Zimmerkollege ins Vertrauen, daß er über mich für die Stasi berichten müßte. Er wurde zur Mitarbeit erpreßt, nachdem der Stasi eine Liste von Fluchtwilligen in die Hände fiel, die über die Kanalisation abhauen wollten und er mit auf der Liste stand. Unsere abgesprochenen Berichte konnte ich 1992 wahrheitsgemäß in meiner Akte nachlesen. Eine totale Überraschung erlebten wir alle nach 1989. Der Chefingenieur des Hauses, dem alle Vertrauen entgegen brachten und der auf Grund seiner Kompetenz diese Stellung zu Recht begleitete, hatte auch der Stasi gedient.

Nach dem Passierscheinabkommen besuchte uns mein Freund Frank aus Westberlin. Für meine kommunistische Wirtin kam er aus Dresden. Sie meinte, als ich ihr z. B. mitteilte, daß Chrustschow abgesetzt sei, das könnte nur eine Rias-Ente sein. Eine unbeschreiblich naive und verbohrte alte Dame, die im Haus der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft ihre Weisheiten einholte. Dort erlebte ich einen Vortrag von Karl Eduard von Schnitzler - ein Demagoge besonderer Art, der mit der gleichen Überzeugungskraft das Gegenteil hätte sagen können. Er sprach über “Westberlin und die Zukunft“. In zynischer Weise meinte er, daß zwar ein Vertrag über Waren-lieferungen nach Westberlin abgeschlossen worden sei, aber nicht die Anzahl der Kontrolleure festgelegt wurde. Mit Hilfe einer einzigen Kontrollperson würde man den Westteil der Stadt langsam aushungern lassen. In diesem Stil setzte sich der Vortrag fort. Eine Menge SED-Genossen hörten aufmerksam zu.

Einige in der Ingenieurgruppe hatten nach wie vor die Absicht, die Seiten zu wechseln. Ich erklärte scherzhaft, falls mein Rechenschieber im Schreibtisch nicht mehr auffindbar sei, dann wißt Ihr wo ich bin. So geschah es nach drei Jahren im Dezember 1964. Frank, mit dem ich seit dem Dresdner Luftangriff im Februar 1945 befreundet war und der bereits 1955 nach Westberlin ging, verhalf meiner Verlobten und mir über eine Fluchthelferorganisation mit gefälschten Pässen die Flucht nach Westberlin. Der nach 1989 so genannte Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße wird uns in historisch bedeutender Erinnerung bleiben. Beinahe wäre ich noch in Schwierigkeiten gekommen, da ich im letzten Moment einen ehemaligen Semester-kollegen sah, der gerade Verwandte an der Übergangsstelle verabschiedete. Mit einer Stunde Verspätung verließ ich Ostberlin. Auch diese Fluchtvariante hatte wie oft nur eine kurze Zeit Erfolg, bis die Kuriere erwischt worden sind.

Aus unserer Gruppe gelang noch einem Ingenieur die Flucht. Die Ingenieur-gruppe von vor 1965 kommt jährlich in alter Verbundenheit zusammen, da die Zeit von vor 1989 nicht durch Nostalgie Ost belastet wird.

3.   Nach der Flucht im Dezember 1964.

Im Flüchtlingslager Marienfelde wurden alle Flüchtlinge nur von den Amerikanern gründlich überprüft. Mit einer amerikanischen Militärmaschine flogen wir zum Hauptquartier nach Oberursel nahe Frankfurt. Dort befragten sie mich nach den von mir bearbeiteten Brücken, u.a. nach Sprengkammern in der Vorflutbrücke bei Kietz. Ich hatte mir vorgenommen, keine detaillierten Auskünfte zu geben, immer in der Befürchtung, daß sich auch dort die Stasi eingenistet haben könnte. Nachdem ich weder verwertbare noch falsche Angaben machte, legten mir die Amerikaner zu meiner Überraschung alle Zeichnungen über die im Gespräch angesprochenen Brücken vor. Ihr Geheimdienst war also besser als ich befürchtete und ich wurde wahrscheinlich überprüft, ob ich etwas mit der Stasi zu tun haben könnte. Ich war beruhigt in der Erkenntnis, daß wenigstens dort der Ostgeheimdienst nicht auch schon seine Hand im Spiel hatte.

In einer Zehlendorfer Villa warben die Amerikaner offenbar für ihren Geheimdienst. Dreimal war ich dort eingeladen. Eine rustikale Amerikanerin führte die Gespräche. Sie erklärte u.a., daß morgen meine Eltern aus Dresden in Westberlin sein könnten, falls ich zur Zusammenarbeit bereit sei. Nachdem ich eine Mitarbeit erneut ablehnte, sagte sie am Schluß, wenn man aus einem Stein kein Blut pressen könnte, muß man es eben lassen. Das unterschied sich erheblich von meinen Kenntnissen aus dem Osten. Mir sind Fälle aus dem Bekanntenkreis aus Ostberlin und Leipzig bekannt, bei denen die Gespräche entweder zur Mitarbeit bei der Stasi oder bei Verweigerung zu beruflichen Nachteilen führten.

In den Jahren 1965 und 1966 halfen wir zwei Freunden mit Diplomatenwagen zur Flucht nach Westberlin. Einer Freundin meiner Frau versprachen wir noch in Ostberlin Hilfe, da sie innerhalb der Humboldt-Universität von der Stasi angegangen wurde. Sie verteilte die verbotenen Schriften von Prof. Havemann unter die Studenten. Leider ließ sie sich von der Stasi einfangen und spielte später als IM eine äußerst unwürdige Rolle, insbesondere bezogen auf Robert Havemann – unter 4.2 komme ich darauf zurück.

Als wir ab Mitte 1967 dienstlich für anderthalb Jahre in Schweden weilten, war zu unserer Überraschung an uns der Wunsch herangetragen worden, daß der Bruder meiner Frau die Flucht beabsichtigte. Diese Aktion lief schief. Was wir nicht wußten, daß noch seine schwangere Freundin mit im Spiel war. Sie sind in Ungarn festgenommen worden. Offenbar war ein Kurierdienst in das Fadenkreuz der Stasi geraten. Nach Haft in Hohenschönhausen, Bautzen und Stollberg wurden sie freigekauft.

Wir konnten bis 1973 nicht durch die “Zone“ fahren, bis ich über Rechtsanwalt Stange (Verhandlungspartner von Rechtsanwalt Vogel) erfuhr, daß wir von der Liste der Verhaftungsgefährdeten gestrichen wurden. Vorher ließen wir unser Auto überführen z.B. auf der Reise nach Schweden zum Flughafen in Hannover. Meine erste Fahrt durch den Osten nach acht Jahren ging nach Salzgitter und bestätigte die Information von Herrn Stange.

4          Die Stasi-Aktivitäten in unserem Umfeld.      

     4.1        Meine Stasi-Akten vor und nach 1964.

Im November 1991 beantragte ich Einsicht in meine Stasi-Unterlagen und konnte bereits im Februar 1992 150 Seiten begutachten.

Fünf IM waren 1963 und 1964 u.a. mit mir beschäftigt. Ich beantragte die Klarnamen. Zwei waren bereits verstorben. Einen kannte ich bereits, der seine Berichte mit mir abgestimmt hatte. Einem anderen dankte ich per Post für seine Fürsorge und erhielt wie erwartet keine Antwort. Ihn verdächtigten wir schon damals während der Dienstzeit. Nur den Chefingenieur konnten wir nicht für möglich halten. Alle IMs haben mir keinen direkten Schaden zugefügt.

In meiner Akte konnte ich mehrere Briefe nachlesen, die ich aus Schweden und der Schweiz erhielt. Diese dürften 1962 auch der Ausgangspunkt der Stasi-Überwachung gewesen sein. Hinter jedem westlichen Auslandskontakt witterte die Stasi subversive Aktivitäten. Unsere Flucht bereiteten wir sehr geheim vor, so daß sowohl unsere Verwandtschaft in Dresden und meine Mitarbeiter in Berlin mindestens von diesem Zeitpunkt völlig überrascht wurden. Die Stasi recherchierte zunächst im Nebel, bevor sie später durch Festnahmen unseren Fluchtweg und danach den Aufenthaltsort ausfindig machte.

Am 30.09.02 fragte ich erneut nach, ob Stasi-Unterlagen für den Zeitraum vor 1961 oder nach 1964 vorlägen. Am 11.05.05 erhielt ich die überraschende Nachricht, daß ich 320 Seiten für den Zeitraum 1964 bis 1989 einsehen könne.

Ein IM war ein Direktor des Betonleichtbaukombinats aus Dresden. Das war für mich auch vorher so gut wie sicher. Er hat bei weitem nicht alles geschrieben, was er auf der Westseite alles erlebte, sonst hätte er sich selbst angeklagt. Seine Angaben sind als korrekt und zurückhaltend zu bezeichnen.

Familie Starke in München konnte es nicht fassen, als ich ihnen meine letzte Seite der Stasi-Akte übersandte. Bei ihnen waren wir am 27.11.1986 zum 50. Geburtstag eingeladen. Mein Studienkollege und Reisebegleiter nach Bulgarien, Günther Starke, war mit unserer Hilfe in einem Diplomatenwagen 1966 die Flucht nach Westberlin geglückt. Der Arnsdorfer Cousin seiner Frau besuchte mehrfach die Handwerksmesse in München, war zum Geburtstag eingeladen und auch anwesend. München und das Alpengebiet kannte er infolge großzügiger Betreuung von Günther sehr gut. Ich bot ihm noch an, daß er Hilfe über die mir bekannten Rechtsanwälte bekommen könnte, falls er Interesse an einer Übersiedlung hätte. Die in der nachfolgend beantragten  Stasi-Akte von Günther gefundenen Berichte des Cousins gleichen einer unglaublichen Dreistheit und führten nach Gesprächen zum endgültigen Bruch.

Viele Berichte können als wertlos bezeichnet werden und füllen nur die Akten. Daß ich auch Kurier gewesen sein soll, war eine Fehleinschätzung der Stasi.

Während meiner fast zwanzigjährigen Geschäftsführung für Krupp Stahlbau Berlin war ich offenbar eine Person, die einerseits für die Wirtschaftskontakte mit den Kombinaten als ganz brauchbar erschien, andererseits auf Grund meiner Herkunft nicht gerade willkommen war.

Da wir von Westberlin aus für den Kruppkonzern die Bauarbeiten auch für die Erweiterung des Stahlwerks Hennigsdorf und für die Fittingsgießerei Ückermünde ausführten, gab es zwangsläufig zahlreiche Erlebnisse zwischen Ost und West. Ich mußte meine Osterfahrungen oft einbringen. Die Schnüffelei an Wochenenden in Baubüros und andere Stasi-Interessen waren manchen Westdeutschen nicht verständlich. Daß die Auslösungsbeträge der Westarbeiter höher als die Löhne der Ostarbeiter waren, diente nicht gerade einer zufriedenen Zusammenarbeit. Die sozialen Begleitumstände zwischen Ost und West hatten die Auftraggeber außeracht gelassen. Grundsteinlegungen und Eröffnungsfeiern boten Drahtseilakte für alle offiziellen Redner. Mancher Kombinatsleiter verschwand während des Bauablaufs nach zuviel Kontakt mit den westlichen Verhandlungspartnern. Die Fachleute durften im Regelfall nur an Besprechungen im Osten teilnehmen – im Westen hatten nur diejenigen Zutritt, die über die SED-Leitung eine Reisesondergenehmigung erhielten.

Aus dem Rahmen fallende Ost-West-Begegnungen betraf die S-Bahn in Westberlin. Alle Arbeiten für die S-Bahnstrecken in Westberlin unterstanden der Prüfung durch die Deutsche Reichsbahn im Osten. Dafür mußten Fachleute hinzugezogen werden, die jeweils bis 24 Uhr den Westsektor verlassen mußten. Da spielten sich inoffiziell große Verbrüderungsfeste ab, die anscheinend unentdeckt abliefen.

Ich blieb der Stasi offenbar bis zur Wende 1989 erhalten. Von den ca. 470 Seiten kopierte ich einen kleinen Teil. Auch an meinen Unterlagen läßt sich ablesen, daß die Stasi Angst und Schrecken verbreitete, ein aufgeblähter Apparat war und letztendlich einer gesunden wirtschaftlichen Entwicklung im eigenen Land erheblich im Wege stand.

4.2       Das Verhalten der uns bekannten IM.

Die im Abschnitt 5 genannten IM (informelle Mitarbeiter) übersandten uns die Veröffentlichung von Herrn Schorlemmer. Das sind Leute, für die ich kein Verständnis mehr aufbringen kann. Viele Veröffentlichungen über den Arzt, der Havemann behandelte, lassen keinen Zweifel über dessen IM-Tätigkeit aufkommen. Als wir von Frau Havemann aus den 300 Bänden Stasi-Akten über ihren Mann Details über das IM-Ehepaar erfuhren, waren wir über das Ausmaß der Berichte regelrecht geschockt. Meine Gedanken führten mich in das Jahr 1964 zurück, als die spätere Frau des Arztes noch verbotene Schriften von Prof. Havemann an der Humboldt-Universität verteilte und mich um Rat fragte, wie sie sich verhalten solle, da sie von der Stasi angesprochen wurde. Sie lehnte damals das Unrechtssystem ebenso ab wie wir. Ihr Weg führte nach Abschluß der Uni zur ostdeutschen Botschaft nach Rumänien und danach in das Gesundheitsministerium in Ostberlin.

Im Sommer 2007 kam es  bei uns zu einem Gespräch über ihre Stasitätigkeit. Wir hielten ihr vor, daß sie über 1000 Seiten abgeliefert hatte. Zu ihrer Überraschung nannten wir ihr unseren Kontakt mit Frau Havemann. Sie hatte sich völlig verwandelt, fand ihre Handlungen hilfreich gegenüber den betreffenden Personen und würde völlig zu unrecht benachteiligt. Sie verlor nach Überprüfung aus dem Gesundheits-ministerium in Bonn ihren Job. Sie gab nur mühsam zu, was wir ihr schriftlich vorlegen konnten. Sie beschuldigte nahezu alle demokratischen Institutionen auf Grund ihrer persönlichen Situation. Mit ihren ehemaligen Stasi-Offizieren pflegt sie weiterhin Kontakt. Wir hatten den Versuch unternommen, ihrem Wunsch nachzukommen, die alte Freundschaft wieder zu beleben – nur das hätte ihre Einsicht in den Wahnsinn der Vergangenheit vorausgesetzt.

Man fragt sich, was aus einem 22-jährigen intelligenten Menschen innerhalb von 25 Jahren seit 1964 werden kann. Da spielt wohl auch in ihrer heutigen Verhaltensweise ein falscher Stolz eine traurige Rolle.

Ihr Mann, der nur Gutes getan hätte, ist derzeit 89 Jahre alt. Bei einer gerichtlichen Untersuchung 1991 berief er sich auf seine ärztliche Schweigepflicht, um nicht aussagen zu müssen. Dieser Schweigepflicht kam er aber in den Berichten über Havemann keinesfalls nach. Wir lehnten ein Gespräch mit ihm ab – dessen Stasi-Belastung übersteigt alles, was uns bisher bekannt wurde.

Die Verhaltensweise dieses Ehepaars deckt sich mit denen vieler IM. Sie haben angeblich keinem Menschen geschadet. Das trifft im Fall Havemann nachweisbar leider nicht zu.

Wer sich so verhielt wie mein Zimmernachbar 1963, der sich mir anvertraute und mit mir die Berichte über mich abstimmte, konnte nach 1989 gut damit umgehen. Offen bleibt die Frage über die Konsequenzen bei Ablehnung einer IM-Tätigkeit. Dafür gibt es gegensätzliche Erfahrungen, doch meist ist die Angst vor den Folgen bei einer Verweigerung zu groß gewesen.

5. Der verklärte Blick zurück – 19 Jahre nach dem Fall der Mauer

Meine grundsätzliche Meinung über die Zeit von vor 1989 teilte ich Herrn Schorlemmer im folgenden Brief mit. Eine Antwort erhielt ich nicht, obwohl der Verlag erklärte, Herr Schorlemmer beantworte jeden Brief! Eine Veröffentlichung konnte ich in der Ost-West-Zeitschrift “Freitag“ nicht erwarten, da Herr Schorlemmer Mitherausgeber ist.

Hier der Link zu Schorlemmers Artikel:

http://freitag1.myblog.de/

Sehr geehrter Herr Schorlemmer,                                                  Berlin, den 05.01.2008

Ihren Artikel im “Freitag“ vom 12.10.2007 “Erinnern und Vergessen“ habe ich gelesen und ich kann ihn nicht unwidersprochen stehen lassen.

Diesen Artikel erhielt ich von informellen Mitarbeitern zugeschickt, also von Leuten, die ihren moralischen Kompaß aus Karrieregründen abgelegt hatten, kein Unrechtsbewußtsein empfinden, und sich noch nicht einmal bei denen, deren Vertrauen sie mißbrauchten, entschuldigt haben.

Dieser Klientel scheinen Sie offensichtlich das Wort zu reden.

Den ARD-Film „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ als Horrorklamotte zu bezeichnen ist wirklich eine Unverschämtheit. Das ist ein Spielfilm, d.h. es gibt die eine oder andere Überhöhung, aber der Kern der Aussage, daß eine Frau mit ihren beiden Kindern von Ost nach West wollte, verhaftet, verurteilt, eingesperrt und abgeschoben wurde und einige Jahre auf ihre Kinder im Westen warten mußte, bis diese auch ausreisen durften, beruht auf Tatsachen. Auch scheinen Sie nie von Zwangsadoptionen gehört zu haben.

Dieser Film, wie auch „Das Leben der Anderen“ ist wichtig, damit auch die letzten Unwissenden aus „Hintertupfingen“ erfahren, was für einen Unrechtsstaat das SED-Regime regierte.

Daß die DDR kein souveräner Staat war sondern unter sowjetischem Kuratel stand, gab selbst Herr Krenz auf der Anklagebank zu. Es ist doch überflüssig und unzulässig, einen Vergleich mit dem Leben im Gulag oder mit der Diktatur unter Pinochet zu ziehen. Wir leben in Deutschland und sollten uns doch mit unseren Diktaturen auseinandersetzen, bevor wir über andere urteilen.

Ihr Artikel ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die unter dem Regime massiv gelitten haben – politische Häftlinge, Fluchtwillige und Leute, die sich aus vielerlei Gründen nicht haben verbiegen lassen und deshalb berufliche Nachteile in Kauf nehmen mußten. Sie erinnern mit Ihrer Argumentation sehr an Eduard von Schnitzler.

Ich weiß wovon ich rede: ich konnte den SED-Staat bis 1964 in Dresden und Ostberlin erleben. Nachdem mir die Flucht mit meiner Frau nach Westberlin gelang, hielt ich seit 1973 kontinuierlich Kontakt mit Freunden und Bekannten. Die allumfassenden Mißstände konnte ich permanent verfolgen. Meine Geschäftskontakte zwischen Ost und West dokumentieren die zwei Gesichter der SED-Repräsentanten der Ostkombinate, denn Fachleute waren weitestgehend ausgegrenzt. Ich gehöre und gehörte keiner Partei an.

Ich gestatte mir noch einige kurze Bemerkungen zu Ihren Abschnitten mit den betreffenden Titeln:

„Die DDR – ein Unrechtsstaat?“

Sie sprechen davon „welche Faszination eine auf Gerechtigkeit und eine Welt ohne Ausbeutung bedachte sozialistische Idee auf die Bürger ausübte“.

Diese Faszination hielt bei den Menschen sicherlich unterschiedlich lange vor. Doch bei klarem Verstand konnten sie frühzeitig erkennen, daß sie einer Illusion nachgingen.

Aus den zahlreichen Ursachen für die Fehlentwicklung will ich nur wenige stellvertretend nennen:

- die Mißwirtschaft in der Industrie infolge parteiorientierter Führungskräfte,    planwirtschaftlicher Vorgaben und unzureichender Investitionen. Schon 1957 war beispielsweise in der Chemieindustrie Buna und Leuna wie umfassend im ganzen Land der katastrophale Ausrüstungszustand zu registrieren.

- die rückständige Ausstattung des Verkehrswesens und die unterhaltungsbedürftigen Verkehrswege, von der hinterherhinkenden Elektroindustrie ganz zu schweigen, usw… Zur Beurteilung mußte man weder Wirtschaftsfachmann noch Techniker sein, sondern dafür reichte der normale Menschenverstand.

Wer bereits vor dem Mauerbau noch an die vorgenannte Faszination glaubte, mußte blind oder dumm gewesen sein. Oder hatte von Anfang an niemand bemerkt, daß die Merkmale eines Rechtsstaates – u.a. Gewaltenteilung und freie Wahlen – nicht existierten? Die Mehrheit bückte sich, wohl wissend, daß die Wahrheit anzusprechen strafbar hätte sein können.

So war es auch kein Wunder, als ich 1990 mehrfach vorgeführt bekam, daß wir mit 300 Personen mehr produzierten als ein vergleichbares Unternehmen mit 1000 Personen auf der Ostseite. Daran hatten nicht die vielen Mitarbeiter schuld, sondern die mangelhafte technische Ausrüstung, das planwirtschaftliche Umfeld und die sogenannte Kaderpolitik für Führungskräfte.

„Wie der DDR gerecht werden?“

Ihre Aussage: „Ich halte diesen Sieg des kapitalistischen Systems, das alles und jedes durchdringt – und dies zu einem Zeitpunkt, da es eine sozialistische Alternative nicht mehr gibt – für verheerend.“

Die sozialistische Alternative ist Jahrzehnte lang fehlgeschlagen. Die Ursachen sind ausreichend bekannt.

Im Verlauf der letzten 40 Jahre sind nach meiner Schätzung mindesten 50 % der Arbeitsplätze weggefallen. Das Thema Arbeitslosigkeit hat an erster Stelle etwas mit der technischen Entwicklung zu tun, auf die der Staat nur bedingt Einfluß ausüben kann. Wohin allerdings eine Subventionierung aller Sozialbereiche führte, das konnten wir vor 1989 im Osten wunderbar erleben. Von den Errungenschaften im Sozial-bereich schwärmen heute noch einige und verschweigen, daß die Finanzierung dafür eine der Ursachen des wirtschaftlichen Untergangs bedeutete. Da sich Fehler bekanntlich in der Geschichte wiederholen, wäre zu befürchten, daß Ihre sozialistische Alternative eines Tages erneut zum Kollaps führen würde.

Sie benennen fünf grundsätzliche Voraussetzungen, um sich ein zutreffendes Urteil über die DDR nachträglich bilden zu können.

zu erstens:

Die großen humanistischen Werte leuchteten am Horizont der Geschichte. Das         muß wohl mehr Ihr Traum gewesen sein. Da ich zehn Jahre älter bin als Sie, können Sie diesen Horizont wohl nur von historischen Traumtänzern übernommen  haben.

zu zweitens:

Das war nicht nur ein nicht bedingt souveräner Staat, sondern ein mit Hilfe einer Diktatur für 40 Jahre erhaltener und ferngesteuerter Staat, bis dem Fernsteuerer die  Luft versagte.

Wer kann sich denn nicht erinnern, wenn einem in den Schulen ständig die   grandiosen Errungenschaften der Sowjetunion vorgeführt und Haß erfüllt zum Vergleich die Erfolglosigkeit der Schlotbarone und Krautjunker präsentiert wurden – ganz abgesehen von der dauerhaften Unfähigkeit, „einzuholen und zu überholen“. Die Phrasendrescherei der SED-Polemik kann wohl heute kaum noch jemand glauben, der es nicht jahrelang mit anhören mußte. An den Phrasen offiziell zu zweifeln, konnte auch im Knast enden!

Zu drittens:

Ihr Glaube, daß die DDR-Bürger nicht davon ausgingen, daß die DDR bald             untergehen würde ist eine Fehleinschätzung besonderer Art. Das hoffte allerdings ein    bestimmter Teil der Bevölkerung – viele IM, die Mitarbeiter des MfS, die Mitglieder      der Volkspolizei und die fanatischen SED-Mitglieder.

Zu viertens:

Die damaligen Umstände zur Beurteilung des Lebens in der DDR werden durch    immer mehr sachbezogene Veröffentlichungen bekannt. Sie werden hin und wieder insbesondere von regimetreuen Personen schöngeredet, was an den Tatsachen jedoch nichts ändert.

Zu fünftens:

Eine Fokussierung auf die Staatssicherheit wird Ihrer Meinung nach dem Leben in der DDR nicht gerecht. Es solle nicht vollends verdeckt werden, daß es nach Ihrer Meinung reiches, glückliches, authentisches und aufrechtes Leben gab. Diese Charakteristik entbehrt allerdings einer gewissen Komik nicht.

Wie flächendeckend die Überwachung war, stelle ich an Hand von Zahlen am Schluß zusammen. Darüber kann sich dann jeder ein Bild von den tatsächlichen Verhältnissen machen.

„Mit Erinnerungen leben“.

Eine wesentliche Voraussetzung, um vergeben zu können, erfordert eine frei von Schönfärberei gezeichnete Zeit zwischen 1949 und1989. Leider trifft das bisher nur in Ausnahmefällen zu. Das daraus erzeugte Mißtrauen ist keine ausreichende Grundlage, um vergessen zu können. Ihre Ausführungen fördern das Gegenteil von dem, was Sie einfordern. Zur Blockade der Zukunft tragen Sie bei, ohne daß Sie es wohl beabsichtigen.

Überwachung:

Die vorgenannten Ausführungen sollen ergänzt werden mit einem Hinweis auf die Überwachung.

Sie sagen: „Es gab eben wahres Leben im so genannten falschen System – aufrechtes Leben in mitten gebückter Gehorsamkeit“.

Die Bevölkerung befand sich 1988 in folgender Situation:

-         ca. 91000 Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit.

-         ca. 80000 Mitarbeiter der Volkspolizei (Vopo).

-         ca. 173000 informelle Mitarbeiter des MfS (IM).

-         ca. 2,3 Mio. SED-Mitglieder.

-         ca. 16,4 Mio. Einwohner.

Die für die Überwachung in Frage kommende Bevölkerung bewegte sich im Alter zwischen 18 und 75 Jahren. Damit ergibt sich eine zu überwachende Bevölkerung über ca. 57 Jahre, d.h. 16,4 x 57/75 = 12, 464 Mio. Einwohner.

Da die SED-Mitglieder zum großen Teil nicht zu überwachen waren, reduziert sich der Bevölkerungsumfang um ca. 2 Mio. SED-Mitglieder auf ca. 10,5 Mio Einwohner. Wenn es nur die 173000 IM zur Überwachung gewesen wären, ergäben sich 10,5/0,173 = ca. 60 Einwohner im Mittel für einen IM.

Tatsächlich hat die Volkspolizei auch überwacht. Danach ergeben sich

10,5/(0.173+0,080) = ca. 41,5 Einwohner, d.h.

1 IM und 1 Vopo waren im Mittel für 42 Einwohner im Einsatz.

In Wirklichkeit spielte der Einfluß zahlreicher SED-Mitglieder auf die täglichen Abläufe der Bevölkerung eine zusätzliche bedeutende Rolle. All die vorgenannten Überwachungsinstitutionen verursachten die Abkapselung der Bevöl-kerung in sog. Nischen. Von Ausnahmen abgesehen, war die Bevölkerung flächen-deckend unter Kontrolle. Viele der Betroffenen erfuhren das erst nach 1989!

Herr Schorlemmer, da können Sie noch so lange vom wahren Leben sprechen, oder mit Ihren Worten davon ausgehen, daß das zusätzlich noch reich, glücklich, authentisch und aufrecht war – es ändert nichts an den traurigen Tatsachen.

Ein fortlaufender Realitätsverlust ist wohl nicht zu übersehen. Der Apell vom 26.11.1989 „Für unser Land“ (Eigenständigkeit der DDR erhalten&hellip, Ihre Forderung nach Amnestie und einem flankierenden Schlußgesetz 1999 (Straffreiheit für Verurteilte&hellip setzt sich fort mit der Strategie dieses Artikels (Unrechtsstaat ja, aber&hellip. Damit sorgen Sie auch dafür, daß nicht vergessen werden kann, solange die Vergangenheit – um es vorsichtig auszudrücken – verwässert dargestellt wird.

Mit freundlichen Grüßen

6. Schlußwort

Wenn ich der Presse entnehme, daß viele Schüler mit der DDR nichts anfangen können, dann muß das wohl an den Lehrplänen und in den neuen Bundesländern an einigen Lehrern liegen, die dem real existierenden Sozialismus nachtrauern - sie haben bewußt vergessen. Über die 40 Jahre im Osten Deutschlands können junge Leute nicht oft genug aufgeklärt werden.

Mit wenigen Worten läßt sich dieses Unrechtssystem nicht ausreichend beschrei-ben. Daß der Mensch ein “Gewohnheitstier“ sein soll, mußte ich leider auch all zu oft erfahren. Das System lebte neben der maßlosen Überwachung durch die Stasi und die SED auch von fehlender Civilcourage mancher Ostdeutscher. Die maßgebenden SPD-Politiker der Bundesrepublik Deutschland vertraten bis zur Wende 1989 ein Zwei-staatensystem für die Zukunft Deutschlands - in Unkenntnis der tatsächlichen Situation in Ostdeutschland. Im Rückblick läßt sich über die 40 Jahre überhaupt nichts schön reden! Obwohl die ostdeutschen Verhältnisse für alle, die das politische System zwischen 1949 und 1989 nicht direkt miterlebten, scheinbar schwierig zu verstehen sind, gehe ich von dem optimistischen Leitspruch aus: „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“



 




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